Quelle:
Sonntag Aktuell 1. Mai 2005, Pfalz
Aktuell
„Die Natur in meinem
Garten" heißt die neue Sonntag Aktuell-Serie. Jahreszeitlich aktuell und
unterstützt von den Experten der Pollichia, zeigen wir monatlich einmal, wie
Pfälzer versuchen, im Einklang mit der Natur ihr ganz eigenes Stück Grün zu
gestalten. Teil l: Frühblüher in Landau. Haben auch Sie besondere wildlebende
Tiere oder Pflanzen gesichtet? Bitte melden Sie's der Pollichia: Telefon
06321/921768, hauptverein@pollichia.de.
Wundersame
Wildgärtnerei

Landau. „S' wird
zur Sucht - ich geb's zu", lacht Gisela König und lässt ihren Blick stolz über
ein Wiesenstück in ihrem Garten schweifen, das wohl bei manchem Nachbarn Alarmstufe
rot und den Motor des unvermeidlichen Rasenmähers auslösen würde.
Aber dieses Gerät ist bei
der Hobbybiologin verpönt, obgleich auch sie mitunter rot sieht, wenn sie ins
satte Grün blickt. Zwischen den Gräsern gedeihen nämlich unzählige Frühjahrs-
und Sommerblüher, darunter auch solche, die vom Aussterben bedroht sind und
deshalb auf der Roten Liste stehen.
Ein besonders Prominenter
Vertreter dieser Art ist die schopfige Traubenhyazinthe (muscari comosum), die
schon im zeitigen Frühjahr ihre kräftig violetten Blüten entfaltet und
gewissermaßen die Gartensaison der „natürlichen" Wiesenblüher eröffnet.
Vor zehn Jahren hat Gisela
König diese interessante Blume entdeckt und seither steht der Rasenmäher in der
Ecke. Denn wo so extrem seltene Exemplare alter Kulturpflanzen gedeihen, wird
man ja wohl auch auf bekanntere Vertreter der pfälzischen Flora hoffen dürfen. Wie
soll man die aber finden, wenn man das Gras nur wenige Zentimeter hoch hält und
sämtlichen Blütenansätzen den Kopf abrasiert?
Gisela König wurde
neugierig, wollte in ihrem Garten in Landau-Godramstein das Gras wachsen hören
- und traute fast ihren Augen nicht. Nach und nach - mit jedem Jahr ein bisschen
mehr - wucherten Blumen und Blüten, die sie nie gepflanzt oder ausgesät hatte.
Die Wiese füllte sich mit Flockenblumen und schmalblättrigen Wicken, mit Johanniskraut
und Hopfenklee, mit Wiesenglockenblumen und Margariten, mit Ehrenpreis und
Löwenzahn, mit Odermennig und Weinberghyazinthen und - jeden Frühling an der
gleichen Stelle unter der großen Birke - mit exakt drei Exemplaren der Schopfigen
Traubenhyazinthe, die eigentlich wärmere Gefilde bevorzugt und im Mittelmeerraum
zu Hause ist, aber mit den Römern samt deren Weinkultur in die Pfalz kam.
Als dann auf zunehmend verwilderndem Wiesengrund auch
noch die Bienenragwurz (ophrys apifera) - eine besonders seltene Orchideenart -
zum Vorschein kam, war die Begeisterung der spätberufenen Pflanzenkundlerin,
die ihre Brötchen als Chemie- und Sportlehrering in einem Karlsruher Gymnasium
verdient, gar nicht mehr zu bremsen. In dicken Wälzern fand sie den entdeckten
Schatz beschrieben und wieder einmal desgleichen auf der Roten Liste.
Das war vor etwa fünf
Jahren und damit zu jener Zeit, als der ehemalige Truppenübungsplatz auf dem
Landauer Ebenberg zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Da dieser Ebenberg aber
auch als Flugplatz des Aero-Club Landau dient, dessen zweite Vorsitzende Gisela
König ist, war das parallele Engagement bei den Naturschützem eigentlich eine
logische Konsequenz. Denn auch auf dem Gelände, das die Segelfliegerin bislang
nur aus luftiger Höhe kannte, wachsen seltene Blumen und Pflanzen, die es zu finden,
zu analysieren und zu katalogisieren gilt - eine Aufgabe, der sich die
Pollichia, Verein für die Naturforschung und Landespflege, verschrieben hat.
Gisela König trat ihr postwendend bei. Seither rückt sie der heimischen Flora
sogar mit der Kamera auf' den Leib, leistet fotografische Bestandaufnahmen und
erstellt Präsentationen und Dokumentationen für das Pfalzmuseum für Naturkunde
in Bad Dürkheim.
Aber am liebsten ist sie
freilich im eigenen Garten, in dem alle Bio-Begeisterung begann. Ob sie da
nicht das eine oder andere Pflänzchen mit Seltenheitswert vom Ebenberg nach
Godramstein verpflanzt? Auf dass es sich doppelt so schnell vermehren möge? „Niemals,
ich bin doch kein Biotopverfälscher!", verwahrt sich die Wildgärtnerin mit
Vehemenz. Außerdem wäre ein solcher Raub ohnehin zum Scheitern verurteilt.
Genau wie jene Aktion, als die Gartenfreundin zu Zeiten, als sie noch keine
Naturschützerin war, mangels besseres Wissen wunderschöne
Wildtulpen von Südfrankreich in die Pfalz verpflanzen wollte. „Sie haben mir
einmal geblüht und sind nie wieder gekommen."
Nein, besser sei es, der
Natur freien Lauf zu lassen, sie zu beobachten, zu schützen und zu achten.
Deshalb ist das Stück Wiese hinter der hohen Hainbuchenhecke quasi völlig
verwahrlost. Sie wächst ohne Dünger, ohne Bewässerung und ohne
„künstliche" Saaten. Gemäht wird erst im August und dann freilich mit der
Sense, damit sich das Schnittgut locker verteilen und austrocknen kann. „So säen
sich alle Blumen wieder selbst aus."
Auch der lehmige Boden und
das trockene Klima sind gut für die Pflanzenvielfalt und dieses Jahr scheint
besonders vielversprechend zu werden. Das Große Zweiblatt (listera ovata),
„eine noch relativ häufige, aber geschützte, eher unscheinbare Orchideenart",
hat sich geradezu sensationell vermehrt, die Bienenragwurz hat kräftige Blätter
entwickelt und die Schopfige Traubenhyazinthe reckt schon ihre langen Blütenstände
gen Himmel, um ihre Blüten nach und nach mit der Maisonne zu entfalten.
Dabei ist dieses Gewächs
besonders raffiniert: Der große, aber sterile Schopf lockt die Bienen an, die
Samen aber bilden sich nur im geschützten, unteren Blütenteil. Weil über die
Teilung der Zwiebel obendrein die ungeschlechtlich
Fortpflanzung möglich ist, scheint es nur eine Frage der Zeit, bis sich die
drei standhaften Godramsteiner Exemplare vermehren. Brigitte
Schmalenberg
Rat vom Experten
Frühblüher, so genannte
Frühjahrsgeophyten, sind in ihren alten, natürlichen Kulturformen stark vom
Aussterben bedroht, weiß Dr. Walter Lang, pensionierter Gymnasiallehrer,
Pflanzenexperte, Mitherausgeber der „Flora der Pfalz" und Mitarbeiter bei
Pollichia. Düngemittel und radikale Mähmethoden haben den Wildpflanzen in unserer
modernen Kulturlandschaft schwer zugesetzt.
Da ist es ein Glücksfall,
wenn sie in privaten Gärten unverhoffte Überlebenschancen finden, so wie die
„Schopfige Traubenhyazinthe", die in Rheinland-Pfalz auf der Roten Liste
steht und in manch anderem Bundesland überhaupt nicht mehr vorkommt, aber ein
Refügium in Gisela Königs Garten in Godramstein gefunden hat (nebenstehender
Artikel). Oder die besonders seltene Wildtulpe, die zur Zeit im Garten der
Familie Reinecker in Heidesheim (Kreis Bad Dürkheim) blüht (und in der Pfalz
ansonsten Wohl nur noch in Wingertzeilen bei Landau-Wollmesheim zu finden ist).
Weitere wilde Frühblüher sind die Lerchensporne, die Gelbsterne, die in
Rheinland-Pfalz in vier Arten vorkommen, und die noch relativ häufigen
Milchsterne, die man bei uns in drei Arten kennt.
Vielleicht aber käme in
manchen heimischen Gärten das eine oder andere überraschende Wildgewächs zu
Tage, wenn man es denn nur wachsen ließe. Je mehr Raum man der Natur schenkt, desto
vielfältiger wird sie ihn nutzen. Doch appelliert Walter Lang an alle Gartenbesitzer,
niemals in freier Natur gefundene Exemplare auszugraben, um sie im eigenen
Garten anzusiedeln.
Ein Standörtwechsel sei
nämlich stets zum Scheitern verurteilt, weil zu viele Faktoren, wie
Bodenbeschaffenheit, Klima undSymbioseverhältnisse zusammenspielen müssen,
damit die Pflanzen gedeihen können. Gräbt man sie aus, bedeutet dies ihr
sicheres Todesurteil - und manchmal sogar das Aussterben einer ganzen Art, weil
die kleinen Populationen diesen Raubbau an ihren letzten, natürlichen
Standorten nicht verkraften. Ideal sei es, die Objekte der Begierde in den gut
sortieren Gartenmärkten zu kaufen, die für fast alle Wildpflanzenarten
Nachzüchtungen bieten, die sich von den Originalen optisch kaum unterscheiden,
aber problemlos zu pflegen sind.
ttg